Dokumentation "Shared Space - Beispiele für lebenswerte öffentliche Straßenräume"

8. März 2012 in Würzburg

Die Dokumentation der Veranstaltung wurde uns freundlicherweise von der Petra-Kelly-Stiftung zur Verfügung gestellt www.petrakellystiftung.de


Shared Space ist ein verkehrsplanerisches Konzept mit Zukunft – das ist das optimistische Fazit einer Tagung der Petra-Kelly-Stiftung und des Planerverbands SRL in der Würzburger Kolping-Akademie. Fast 100 Planer/innen, Kommunalpolitiker/innen, Verwaltungsfachleute und NGO-Mitglieder aus ganz Deutschland waren gekommen, um sich über die Philosophie dieses Verkehrskonzepts und die damit im In- und Ausland gemachten Erfahrungen zu informieren.


Sabine Lutz, langjährige Mitarbeiterin des Shared Space-„Erfinders“ Hans Mondermann, gab einen Überblick über die Gestaltungsgrundlagen und Ziele des Konzepts, das sich am besten als „Verkehrsraum für alle“ übersetzen lässt. Denn in Shared-Space-Bereichen wird der öffentliche Raum geteilt, alle Verkehrsteilnehmenden sind gleichberechtigt. Kommunikation und gegenseitige Rücksichtnahme werden großgeschrieben, auf Verkehrzeichen wird weitgehend verzichtet. Ganz wichtig war Lutz die „Prozesshaftigkeit“ der Shared-Space-Idee: Es gehe dabei nicht darum, ein fertiges Konzept einfach umzusetzen, sondern es müssten Lösungen immer wieder optimiert werden, in steter Zusammenarbeit mit den Betroffenen und Beteiligten. 


Wie gut dieses Konzept auch in Großstädten mit hoher Verkehrsbelastung funktioniert, demonstrierte der Verkehrsplaner Dr. Michael Frehn am Beispiel Duisburgs. Dort wurden in den vergangenen Jahren der zentrale Opernplatz und mehrere Stadtteilzentren nach dem Shared-Space-Prinzip umgestaltet. Mit insgesamt sehr großem Erfolg, sowohl was die Verkehrssicherheit angeht als auch hinsichtlich der Akzeptanz bei der Bevölkerung.


Einen sehr pragmatischen und in mittlerweile zehnjähriger Praxis bewährten Weg zur Umsetzung des Shared-Space-Gedankens hat die Schweiz gefunden: die sog. „Begegnungszone“, die Thomas Schweizer, der Geschäftsleiter des Verbands „Fussverkehr Schweiz“ vorstellte. Drei einfache Regeln gelten dort: Tempo 20, Vorrang für die Fußgänger, die die gesamte Fläche benutzen dürfen, sowie Parken nur auf den dafür markierten Flächen. Diese Begegnungszonen haben sich in ganz unterschiedlichen städtebaulichen Situationen bewährt: in Wohngebieten ebenso wie auf zentralen städtischen Plätzen mit hoher Kfz-Belastung.

Die Präsentation von Thomas Schweizer als PDF-Datei

Text von Thomas Schweizer zu den Begegnungszonen


Ob und wie Shared Space in Deutschland straßenverkehrsrechtlich umgesetzt werden kann, steht im Mittelpunkt einer von der „Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen“ herausgegebenen Handreichung, die einer der Mitverfasser, der Verkehrsplaner Dr. Wolfgang Hallervorstellte. Seine Antwort war klar: Es geht und es ist sinnvoll, weil Shared Space die Aufenthaltsqualität stärkt und die Überquerbarkeit der Straßen verbessert. Aber das Konzept sollte nicht flächenhaft und nicht ohne eindeutige Regeln umgesetzt werden. Und eine Umgestaltung des Straßenraums ist für den Erfolg in der Regel Voraussetzung.  


In der Praxis ist es allerdings immer noch vielerorts schwierig, Shared-Space-Pläne umzusetzen, wie Martin Kaufmann, Bürgermeister im baden-württembergischen Rudersberg, am Beispiel seiner Gemeinde deutlich machte. Er versucht seit einigen Jahren, eine Durchgangsstraße im Ortszentrum als Shared-Space-Bereich zu gestalten und muss dabei mit vielfältigen Widerständen vor allem in der Ministerialbürokratie kämpfen.


Dass es aber auch viele optimistisch stimmende Beispiele für eine große Vielfalt von ganz verschiedenen und auf die jeweiligen städtebaulichen Gegebenheiten abgestimmten Shared-Space-Bereichen gibt, zeigte Jörg Thiemann-Linden vom Deutschen Institut für Urbanistik mit seiner abschließenden virtuellen Rundreise durch Deutschland, England, die Schweiz, Frankreich, Holland und Italien. Interessanterweise gibt es auch in Bayern, in dem die Staatsregierung dem Shared-Space-Gedanken eher distanziert gegenübersteht, etliche Beispiele für sehr gelungene Shared-Space-Umsetzungen. Thiemann-Linden verwies dabei auf Ingolstadt, Memmingen und Rosenheim sowie – im Bezirk Unterfranken – auf Aschaffenburg und Ochsenfurt.